Cold Calling ist nicht tot. Belangloser Outbound schon.
Das Telefon funktioniert nicht trotz AI, sondern weil automatisierter Outreach austauschbarer geworden ist. Entscheidend sind Fokus, Gesprächsqualität und genügend echte Versuche.
Während E-Mail-Sequenzen und LinkedIn-Nachrichten immer leichter skalierbar werden, wird Aufmerksamkeit knapper. Julius Dany berichtet, dass REP deshalb einen radikalen Schritt gegangen ist: Ressourcen aus dem breiten Multichannel-Outreach zurück ins Telefon.
Die These ist nicht, dass jeder Vertrieb nur noch anrufen sollte. Die These ist präziser: Wenn das Telefon der mit Abstand wirksamste Kanal für ein klar definiertes Segment ist, sollte das Operating Model diese Realität widerspiegeln statt einem Trend zu folgen.
Die kurze Antwort
Cold Calling funktioniert, wenn sechs Bedingungen erfüllt sind:
- Relevantes ICP: Der angerufene Account hat mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Problem, das du lösen kannst.
- Rechtmäßiger Anlass: Der Kontakt ist im jeweiligen Markt zulässig. In Deutschland benötigt B2B-Telefonwerbung zumindest eine mutmaßliche Einwilligung.
- Genügend Volumen: Zehn oder zwanzig Versuche sind kein belastbarer Test.
- Permission-based Opener: Der Einstieg ist transparent und gibt dem Gegenüber Kontrolle.
- Discovery statt Pitch: Das Ziel des ersten Gesprächs ist Relevanz zu prüfen, nicht Features abzulesen.
- Führung im System: Leader hören mit, callen selbst und steuern nach Ergebnis statt nach bequemen Aktivitätsmetriken.
Cold Calling ist damit weder ein magischer Kanal noch überholt. Es ist ein anspruchsvoller, messbarer Prozess.
Warum das Telefon wieder auffällt
AI hat die Produktionskosten generischer Nachrichten massiv gesenkt. Das erhöht die Menge, aber nicht automatisch die Relevanz. Je mehr ähnliche Sequenzen im Postfach landen, desto weniger differenziert sich der einzelne Absender.
Ein gutes Telefongespräch ist schwerer zu automatisieren. Es verlangt Zuhören, spontane Fragen, Empathie und ein belastbares Verständnis der Zielgruppe. Genau diese Reibung macht den Kanal wertvoll.
REP beobachtete in eigenen Kundenprojekten, dass rund 90 bis 95 Prozent der gebuchten Termine über das Telefon entstanden, obwohl zusätzlich E-Mail und LinkedIn eingesetzt wurden. Das ist eine operative Erfahrung, kein allgemeingültiger Marktbenchmark. Aber es war stark genug, um die Ressourcenverteilung zu verändern.
Wann Cold Calling besonders sinnvoll ist
Early Stage: Lernen vor Skalieren
Founder gewinnen durch Calls nicht nur Termine, Sie prüfen ICP, Problem, Sprache und Kaufprozess. Julius beschreibt einen Fall, in dem bereits nach wenigen Wochen klar wurde, dass die ursprünglich angenommene Buyer Persona falsch war.
Dieses Lernen verhindert teurere Fehler in Produkt, Marketing und Hiring.
SMB und Mid-Market: Fokus und Schlagzahl
Wenn das Angebot erklärungsbedürftig, aber der Buying Process noch überschaubar ist, kann das Telefon schnell Relevanz prüfen. Entscheidend ist, die Schlagzahl nicht mit blindem Wählen zu verwechseln.
Enterprise: Telefon als Teil eines Account-Plans
Bei wenigen Zielaccounts und vielen Stakeholdern reicht Cold Calling allein selten. Hier wird Multichannel wieder sinnvoll: persönliche Introductions, Events, Research, Content, E-Mail, LinkedIn und gezielte Calls wirken gemeinsam.
Das Cold-Calling-Playbook
Schritt 1: Einen engen Leadpool bauen
Vor dem ersten Call müssen vier Dinge klar sein:
- Welche Unternehmen passen wirklich zum ICP?
- Welche konkrete Situation macht das Problem wahrscheinlich?
- Welche Rolle erlebt den Schmerz direkt?
- Welche Signale erhöhen die Relevanz gerade jetzt?
AI und Datenanbieter können hier helfen. Die beste Automatisierung entfernt irrelevante Accounts, nicht menschliche Neugier aus dem Gespräch.
Schritt 2: Einen transparenten Opener nutzen
Das in der Folge beschriebene Muster:
- Name und Unternehmen nennen.
- Kurz innehalten und eine erste Reaktion zulassen.
- Offen sagen, dass der Anruf unerwartet kommt.
- Um 30 Sekunden bitten, um den Grund zu erklären.
- Danach eine echte Ausstiegsmöglichkeit geben.
Beispiel:
„Hi, hier ist [Name] von [Unternehmen]. Ich rufe dich gerade komplett aus dem Blauen an. Hast du 30 Sekunden? Dann sage ich dir kurz, warum. Danach kannst du entscheiden, ob es relevant ist.“
Der Wortlaut muss zur Person passen. Ein Skript soll Struktur geben, nicht Persönlichkeit ersetzen.
Schritt 3: Mit einem Problem öffnen
Kein Produktmonolog. Ein relevantes Muster benennen und offen fragen:
„Ich spreche gerade mit mehreren Revenue Leadern, die trotz hoher Outreach-Aktivität zu wenig qualifizierte Erstgespräche bekommen. Wie löst ihr das aktuell?“
Dann nachfragen:
- Wie zeigt sich das Problem konkret?
- Welche Auswirkung hat es auf Pipeline oder Team?
- Was wurde bereits versucht?
- Wer ist noch betroffen?
- Hat das Thema aktuell Priorität?
Schritt 4: Den Call korrekt bewerten
Ein Nein nach echter Qualifizierung ist ein brauchbares Ergebnis. Es bereinigt den Leadpool und schützt Zeit. Schlechte Ergebnisse sind:
- keine klare Erkenntnis,
- falsche Person ohne Weiterleitung,
- Pitch ohne Discovery,
- Meeting ohne relevantes Problem.
Schritt 5: Genügend Daten sammeln
Julius nennt für einzelne Projekte zwei bis drei Prozent Conversion von Anwahlen zu akzeptierten Terminen. Diese Zahl ist kein universeller Benchmark. ACV, Marke, Datenqualität, Segment, Telefonnummern und Angebot verändern das Ergebnis erheblich.
Wichtiger ist ein sauberer Funnel:
| Stufe | Leitfrage |
|---|---|
| Anwahlen | Haben wir genug Versuche für eine Aussage? |
| Erreichte Personen | Stimmen Daten und Anrufzeiten? |
| Relevante Gespräche | Trifft ICP und Problemhypothese zu? |
| Gebuchte Meetings | Erzeugt der Call genügend Interesse? |
| Akzeptierte Meetings | War die Qualifizierung belastbar? |
| Pipeline | Werden aus Meetings echte Opportunities? |
Schritt 6: Führung sichtbar machen
Leader sollten regelmäßig selbst callen, Nicht als Show, sondern um Datenqualität, Skript, Einwände und Marktveränderungen direkt zu erleben.
Gamification kann helfen, darf aber Qualität nicht verdrängen. Eine hohe Anwahlzahl ist wertlos, wenn Meetings ungeeignet sind oder Accounts verbrannt werden.
Was AI sinnvoll übernehmen kann
- Leadlisten bereinigen und anreichern,
- ICP-Signale priorisieren,
- direkte Durchwahlen finden,
- Gesprächsnotizen strukturieren,
- CRM-Felder vorbereiten,
- Muster über viele Calls sichtbar machen.
Was AI nicht automatisch löst:
- ein unscharfes ICP,
- eine schwache Problemhypothese,
- fehlende Gesprächskompetenz,
- schlechtes Coaching,
- unzulässige Kontaktaufnahme.
Rechtlicher Kontext für Deutschland
Cold Calling ist kein rechtsfreier Raum. § 7 UWG unterscheidet zwischen Verbrauchern und sonstigen Marktteilnehmern:
- Gegenüber Verbrauchern ist vorherige ausdrückliche Einwilligung erforderlich.
- Gegenüber Unternehmen beziehungsweise sonstigen Marktteilnehmern braucht es zumindest eine mutmaßliche Einwilligung.
Ein bloßer B2B-Bezug reicht nicht automatisch. Zielgruppe, konkreter sachlicher Zusammenhang, dokumentierter Anlass und Widersprüche müssen berücksichtigt werden. Automatische Anrufmaschinen unterliegen strengeren Anforderungen. Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung; Kampagnen sollten mit qualifizierter rechtlicher und datenschutzrechtlicher Prüfung aufgesetzt werden.
Wo die These Nuance braucht
Ein Kanalanteil ist kein Marktbenchmark
Dass REP in konkreten Projekten den Großteil der Termine telefonisch erzeugte, beweist nicht, dass jedes Unternehmen den gleichen Mix wählen sollte. Der richtige Kanal folgt den eigenen Funnel-Daten.
Mehr Calls sind nicht automatisch besser
Volumen ist nötig, aber nur innerhalb eines klaren ICP und mit sauberer Datenbasis. Sonst skaliert man Relevanzverlust und Reputationsrisiko.
Founder-Ergebnisse sind schwer übertragbar
Founder profitieren häufig von tieferem Produktwissen, größerer Autorität und einer stärkeren Personal Brand. Ihre Conversion Rate ist deshalb kein realistischer Startbenchmark für neue SDRs.
Enterprise braucht mehr als einen Dialer
Bei großen Accounts ist „do things that don’t scale“ oft die bessere Strategie: Research, Events, persönliche Kontakte und hochrelevante Touchpoints statt reine Masse.
Dominics Einordnung
Mein Take ist nicht „zurück zum Telefon und alle anderen Kanäle abschalten“.
Der wichtigere Punkt ist: Wir haben Outreach so stark automatisiert, dass echte Gespräche wieder zum Differenzierungsmerkmal werden. Gleichzeitig wird Vertrauen wichtiger. Wer über Content, Events oder eine glaubwürdige Personal Brand bereits bekannt ist, startet nicht bei null.
Cold Calling und Trust Building sind deshalb keine Gegensätze. Gute Sichtbarkeit macht den Call wärmer. Ein guter Call macht die Marke menschlicher.
Ausgewählte Aussagen aus der Folge
„90 bis 95 Prozent der Termine kamen einfach übers Telefon.“
ca. 08:00
„Cold Calling ist ein Numbers Game.“
ca. 15:45
„Gerade Early Stage gibt es nichts Wichtigeres, als mit dem Kunden zu sprechen.“
ca. 20:05
„Es geht nicht um einen Pitch, sondern erst einmal darum zu qualifizieren, ob die Herausforderung besteht.“
ca. 22:05
„Do things that don’t scale.“
ca. 42:13
Fazit
Cold Calling ist nicht tot. Austauschbarer, irrelevanter und unzureichend getesteter Outbound verliert an Wirkung.
Das Telefon bleibt stark, wenn Teams einen engen Markt wählen, rechtmäßig handeln, genug Daten sammeln, echte Discovery führen und Führungskräfte nah am Gespräch bleiben.